Fachartikel · Kritische Einordnung
Krankenstand in der Pflege: Was zehn Jahre Daten verraten – und warum erfahrenes Personal im Nachtdienst den Unterschied macht
Fast acht Tage mehr Krankheitstage pro Jahr als noch vor zehn Jahren – so lässt sich die Entwicklung des Krankenstands in der Pflege in einer Zahl zusammenfassen. Was in keiner Statistik gesondert auftaucht: wie es speziell dem Nachtdienst dabei ergeht. Genau diese Lücke lohnt einen genaueren Blick.
Der zehn-Jahres-Trend
Pflegekräfte waren 2025 laut Techniker Krankenkasse (TK) durchschnittlich 27,8 Tage krankgeschrieben – rund 10 Tage mehr als der Durchschnitt aller Berufstätigen (17,7 Tage). Altenpflegekräfte kamen sogar auf 32,7 Fehltage, Beschäftigte in der Krankenpflege auf 25,8 Tage.
Zwar ist der Krankenstand in der Pflege das zweite Jahr in Folge leicht gesunken, er liegt aber weiterhin deutlich über dem Niveau anderer Berufsgruppen. Hauptursachen 2025: psychische Erkrankungen (5,7 Fehltage, gegenüber 3,3 Tagen im Berufsdurchschnitt), Atemwegserkrankungen (5,3 Tage) und Muskel-Skelett-Erkrankungen (4,8 Tage).
Die blinde Stelle: keine eigene Nachtdienst-Statistik
Weder die TK- noch die DAK-Gesundheitsreports schlüsseln den Krankenstand nach Schicht auf – es gibt keine offizielle Kennzahl speziell für den Nachtdienst. Ein zweiter Indikator bestätigt aber das Ausmaß des Problems aus anderer Richtung: Der Berufsgesundheits-Index BeGX von BGW und Deutscher Rentenversicherung Bund zeigt, dass die Arbeitsunfähigkeitstage in der Altenpflege 2022 von 26 auf 32 Tage im Jahr gestiegen sind – einer der höchsten Werte aller Berufsgruppen, gegenüber einem Branchendurchschnitt von 15 Tagen. Der Arbeits- und Erwerbsfähigkeitsindex fiel in der Altenpflege von 48 auf 25 Punkte, in der Krankenhauspflege sogar von 24 auf 7 Punkte.
Was das mit der Nachtschicht selbst zu tun hat
Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigen: Dauernachtarbeitende geben im Schnitt einen schlechteren Gesundheitszustand an als Beschäftigte in Wechselschicht oder im Tagdienst, mit erhöhtem Risiko für bestimmte Krebsarten, Schlafstörungen und Stoffwechselerkrankungen. Die BAuA empfiehlt deshalb höchstens drei aufeinanderfolgende Nachtschichten und rät grundsätzlich von reiner Dauernachtarbeit ab. In der Pflege betrifft das nur eine kleine Gruppe: Gerade einmal 1 Prozent der Beschäftigten arbeitet in reiner Dauernachtarbeit, weitere 7 Prozent in Wechselschicht mit Nachtanteilen.
Warum qualifiziertes, erfahrenes Personal entgegenwirkt
Hier setzt der wichtigste Hebel an: Studien zu Personalqualifikation in der Pflege zeigen durchgängig weniger Komplikationen und unerwünschte Ereignisse – Stürze, Medikationsfehler, Infektionen – in Einrichtungen mit besser qualifiziertem Personal, dazu höhere Zufriedenheit bei Pflegebedürftigen wie beim Personal selbst und weniger Fluktuation oder Kündigungsabsicht. Das ist im Nachtdienst besonders relevant, weil die reduzierte Personalstärke bei gleichbleibenden Qualitätsanforderungen genau die erfahrenen, selbstständig arbeitenden Kräfte erfordert, die seltener Fehler machen und Krisen ruhiger bewältigen.
Angesichts einer Fluktuationsrate von 94 Prozent in deutschen Pflegeheimen im Jahr 2022 – nahezu die komplette Belegschaft wird binnen zwölf Monaten ausgetauscht – wird Personalkontinuität im Nachtdienst zum eigentlichen Wettbewerbsvorteil: erfahrene Kräfte, die verlässlich zur Verfügung stehen, wirken der Instabilität entgegen, die viele Häuser sonst prägt.
Kritische Bewertung
Dass es keine gesonderte Krankenstand-Statistik für den Nachtdienst gibt, ist selbst ein Symptom: Was strukturell nicht erfasst wird, wird auch nicht gezielt adressiert. Gleichzeitig ist die Studienlage zur Wirkung qualifizierten Personals eindeutig – sie wird aber selten strategisch genutzt. Einrichtungen reagieren auf Personalnot meist mit kurzfristiger Besetzung um jeden Preis, statt gezielt auf Erfahrung und Kontinuität zu setzen. Dabei zeigt gerade die Kombination aus hoher Fluktuation, steigendem Krankenstand und den bekannten Risiken der Dauernachtarbeit: Erfahrenes, verlässliches Personal im Nachtdienst ist kein Kostenfaktor, sondern eine der wenigen nachweislich wirksamen Gegenmaßnahmen.
Fazit
Der Krankenstand in der Pflege ist in zehn Jahren spürbar gestiegen, und die besondere Belastung der Nachtschicht wird bislang nirgends eigens erfasst. Was die Forschung aber klar zeigt: Qualifiziertes, erfahrenes Personal senkt Komplikationen, erhöht Zufriedenheit und wirkt der grassierenden Fluktuation entgegen. Wer die Probleme des Nachtdienstes ernst nimmt, sollte deshalb gezielt in genau diese Erfahrung investieren – statt sie dem Zufall der jeweiligen Personallage zu überlassen.
Quellen
- Techniker Krankenkasse, Pressemitteilungen „Tag der Pflegenden" (Mai 2025 und Mai 2026)
- BGW / Deutsche Rentenversicherung Bund, Berufsgesundheits-Index BeGX
- BAuA, baua: Fokus „Dauernachtarbeit", November 2023
- bkvfirmenservice.de, Fluktuationsrate für Pflegepersonal in Deutschland (2025)
- Studien zu Personalqualifikation und Versorgungsqualität in der Pflege (Zusammenfassung mehrerer Untersuchungen)